"Nachtbus"

Sonntag, 5. September 2010 - 21:00 Uhr

Stiftskirche Stuttgart

Uraufführung im Rahmen des Musikfests Stuttgart

Eine szenisch-musikalische Fantasie von Kay Johannsen für Schauspieler, Sänger, Orgel, Flöte und Percussion.  

Regie:              
Stephan Bruckmeier

Personen:
Lisa - Marie Johannsen                       
Max - Jonathan Bruckmeier 

sowie diverse Statisten

Sänger:
Sopran (ein Engel) - Katharina Persicke
Bariton (ein Engel) - Ekkehard Abele

Flöte:                                               
Julie Fiona Stewart

Percussion:
Ineke Busch

Musikalische Leitung & Orgel:           
Kay Johannsen

 

 

Dauer:
ca. 90 min, keine Pause

 

Inhalt:
Ein Sommerabend. Zwei junge Menschen, unterwegs in jeder Hinsicht, begegnen sich im Park. Sie reden, träumen, schlafen. Aus Minuten werden Stunden, eine ganze Nacht. Auch Engel sind im Spiel, sie werden gebraucht. Der Morgen kommt.

 

Form:
„Nachtbus“ ist Schauspiel und Musiktheater, ist konkrete Handlung genauso wie himmlische Fantasterei. „Nachtbus“ ist ein durchaus geistliches Stück, aber es gibt darin mehr Fragen als Antworten. Bei der Musik spielt neben den großen vokalen Partien der Engel die Orgel eine zentrale, orchestrale Rolle - insofern ist „Nachtbus“ auch eine Art „Orgeloper“.

 

 

Ausführlicher Einführungstext


„Nachtbus“? Stuttgarter, wohl vor allem solche der jüngeren Generation, wissen, dass nach ein Uhr nachts noch drei Mal Busse von der Planie aus in alle Himmelsrichtungen fahren, um Nachtschwärmerinnen und -schwärmer nach Hause oder sonst wohin zu bringen - sehr praktisch. Ein solcher Nachtbus spielt in meiner Geschichte von Lisa und Max eine Rolle, aber nicht, weil die beiden mit einem solchen fahren, sondern weil sie einen nach dem anderen verpassen. Aber der Reihe nach.


Die Handlung


Zufällig begegnen sich Lisa und Max, beide Anfang 20, an einem Sommerabend irgendwo im Park. Lisa ist, wie so oft, auf dem Weg in eine Bar. Max sucht nach einer Bank, um beim Sonnenuntergang für sich allein zu sein. Beide waren vor ein paar Jahren zusammen in derselben Klassenstufe, danach hat ihr Leben sie aber in verschiedene Richtungen geführt - Lisa erkennt Max erst gar nicht, als er sie anspricht. Ihr etwas bemühtes Gespräch scheint über den Austausch freundlicher Floskeln nicht hinauszukommen. Doch dann kommen sie sich näher, und schließlich geben sie einander mehr und mehr preis, was sie umtreibt. Lisa, flippig und rastlos, fühlt in dieser Nacht mit aller Wucht, dass sie in ihrer Traumstadt Berlin gründlich gescheitert ist. Ihr Soziologiestudium ist ein Desaster, und mit ihren Freunden erlebt sie eine Enttäuschung nach der andern. Max, eher still und intellektuell, ist in der Trauer um eine gestorbene Freundin gefangen und meidet Kontakte. Lisa und Max bleiben schließlich die ganze Nacht zusammen im Park. Im Schlaf, der sie zwischendurch überfällt, entwickeln ihre Träume ein Eigenleben, mal erotisch, mal albtraumhaft. Bei Sonnenaufgang trennen sie sich.

Ob diese Nacht der Anfang einer Liebesgeschichte ist, bleibt offen. Doch bei beiden hat die nächtliche Begegnung etwas Neues in Gang gesetzt.


Die Engel

Auch Engel sind im Spiel. Sind sie Traumgestalten, spiegelt sich in ihnen unsere Gefühlswelt? Begleiten sie uns oder sind sie gar mächtige Boten des Göttlichen? In „Nachtbus“ werden diese Fragen eher angeregt als beantwortet. Klar ist, dass die Sopranistin vor allem der Schauspielerin zugeordnet ist und der Bariton dem Schauspieler. Deutlich ist auch, dass beide Engel, vor allem in den Kommentaren zu den Monologen und in den Traumszenen, auf die Gefühlswelt von Lisa und Max unmittelbar „reagieren“. Doch beide Figuren repräsentieren, nicht zuletzt durch die ausschließlich der Bibel entnommenen Texte, auch eine dem Irdischen enthobene Ebene - die Engel sind nicht ausschließlich auf Lisa und Max bezogen, und sie agieren unabhängig von einer konkreten Zeit.


Szene und Musik 

„Nachtbus“ ist eine szenisch-musikalische Fantasie, das heißt, neben der Schauspielszene gibt es eine musikalische Ebene. Schauspiel und Musik sind zunächst getrennt. Im Verlauf des Stücks, wenn die Grenze zwischen Wachen und Schlafen verwischt, mischt sich die Musik jedoch auch in die Szene.

Wie klingt die Musik? Jede Hörerin und jeder Hörer möge selbst entscheiden, ob und welche stilistischen Vorbilder wahrzunehmen sind - dazu kann ich selbst kaum etwas sagen. Die Klänge, die Harmonien und die Motivbildung haben aber sicher viel mit meiner Praxis des Improvisierens an der Orgel zu tun. Um das Aufschreiben meiner Musik habe ich mich lange „gedrückt“, aber nachdem ich über das jahrelange „Stegreif-Komponieren in die Tasten“ meine musikalische Sprache mehr und gefunden habe, fällt es mir leichter. In „Nachtbus“ spielen wiederkehrende rhythmische Muster eine wichtige Rolle, in der Harmonik verwende ich gerne mediantische Dur- und Moll-Verwandtschaften ebenso wie ganztönige Skalen, daneben auch freitonale Farb- und Spannungsklänge. Das klingt nicht nach vollkommen neuartiger und möglichst experimenteller Komposition, mich interessiert an der Musik aber auch viel mehr, ob ich für die beabsichtigte dramaturgische Wirkung die angemessenen Mittel finde.

„Fantasiert“ habe ich nicht nur bei der Erfindung des Stücks, das Improvisieren gehört auch zum Stück selbst. Zwar sind 802 Takte genau in Noten fixiert, nicht aber die Szenenmusik der Orgel gegen Ende des Stücks, die sich zeitlich flexibel am Timing der Schauspieler orientieren muss.


Orgel, Percussion, Flöte

Die Bezeichnung „szenisch-musikalisch Fantasie“ ist quasi die „amtliche“ und korrekte. Mein Arbeitstitel ist jedoch „Orgeloper“, wobei der Begriff „Oper“ etwas anmaßend ist, denn in der Regel sind bei einer Oper ja mindestens ein paar Dutzend Mitwirkende beschäftigt, wenn es nicht gar in die Hunderte geht - und außerdem wird bei einer Oper für gewöhnlich gesungen, nicht auch gesprochen. „Orgeloper“ passt aber insofern zu meinem Stück, als die Orgel die Funktion des großen Orchesters übernimmt und das musikalische Geschehen trägt. Die Farbenvielfalt der Orgel ist groß, ihre dynamische Bandbreite ebenso, auch lassen sich gleichzeitig drei oder oder sogar mehr musikalische Ebenen darstellen - dieses Instrument, und besonders das der Stiftskirche, kann also ohne Zweifel als „Orchester“ fungieren.

Zur Orgel tritt das Schlagzeug mit einer ganzen Batterie von Instrumenten, die dazu dienen, die Charakteristik der jeweiligen „Stimmungen“ zu unterstützen. Das Schlagzeug hat aber auch eine ganz praktische Funktion, denn es ist nicht leicht, die Musik von der Empore und den Gesang der Engel im 20 Meter entfernten Altarraum zu koordinieren -  dirigiert wird ja nicht. Dezente Rhythmen wie z.B. in der Nr. V sollen dabei helfen. Eine Sonderrolle kommt dem Vibraphon zu: Beim erotischen Traum (Nr. VI) ist es das einzige Begleitinstrument und wird im Altarraum gespielt, sozusagen „auf der Bühne“.

Der Klang der Flöte kann sich perfekt mit dem Orgelklang mischen, mit diesem Instrument lassen sich aber auch sehr individuelle, ausdrucksvolle Akzente setzen. Die Flöte ergänzt auch mit ihrer flexiblen Dynamik den zwar vielschichtigen, aber im Prinzip statischen Klang der Orgel. In der Nr. VIII ist die Flöte sogar das dominierende Instrument - hier erklingen in der Orgel nur sehr entrückte, lang gehaltene pp-Klänge.


Die Textvorlage

Ich hatte nicht von Anfang an vor, die Schauspielszene selbst zu schreiben. Doch je länger ich über das Stück nachdachte, desto deutlicher sah ich eine Szene im nächtlichen Park vor mir. Schließlich wurde mir klar, dass ich nicht gut einen Autor bitten konnte, eine Geschichte aufzuschreiben, von der ich selbst schon wusste, um was es darin gehen sollte.

Was die Texte der Engel betrifft, so hatte ich lange in der Literatur nach Vorlagen gesucht. Es gibt zweifellos wunderbare Dichtungen über die Nacht, aber nichts davon passte zu den Engeln und zur Funktion, die sie haben sollten. Also beschränkte ich mich auf biblische Texte, mischte Psalmverse dabei aber so dreist zusammen, dass mein theologischer Berater Roland Spur entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlug. Ein seriöser Theologe arbeitet eben aus dem Zusammenhang der biblischen Vorlage heraus und klaubt sich nicht das Passende kreuz und quer zusammen. Das habe ich reuevoll zur Kenntnis genommen, bin aber im Wesentlichen dabei geblieben. Für etwaige theologische Verfehlungen übernehme ich die volle Verantwortung! Mehr Verständnis hatte Roland Spur für meinen Plan, den erotischen Traum Lisas in englischer Sprache zu vertonen und den Albtraum in Hebräisch. Obwohl die Liebeslyrik aus dem Hohelied 3000 Jahre alt ist, wirkt sie für mich im Klang der englischen Sprache beinahe modern und sehr passend zur Musik dieses Traums, in der Pop- und Jazzelemente dezent anklingen. Der archaische Klang des hebräischen Urtexts dagegen war für mich von vornherein naheliegend für die Gestaltung der dramatischen, „explosiven“ Musik von Max‘ Albtraum. Es erscheint mir sinnvoll, dass sich die Sprache dieses Stücks unserem unmittelbaren Verstehen entzieht.

Eine Veränderung der Vorlagen habe ich bei den Texten in Nr. VIII und Nr. IX vorgenommen. Den Vers „Der Herr ist mein Licht und mein Heil“ aus Psalm 27 habe ich ergänzt durch die Possessiv-Pronomen „dein“ bzw. „unser“, ebenso bei Psalm 139 beim Vers „du hältst deine Hand über mir / über uns“. Es ist unschwer zu erkennen, dass mit dieser Perspektiven-Erweiterung die Orientierung auf die Instanz des Göttlichen ergänzt wird durch das „kollegiale“ Element - auch Menschen können sich gegenseitig „Engel“ sein.

Dieser Einführungstext ist entstanden, bevor Stephan Bruckmeier seine Regieideen für das Stück vollends entwickelt und realisiert hat. Mir war und ist sehr wichtig, ihm größtmögliche Freiheit zu lassen - so wie ich sie ja auch beim Erfinden der Texte und der Musik hatte. Wie er die Schauspielszene und das Verhältnis zur Ebene der Engel versteht und gestaltet und wie er möglicherweise weitere mediale Elemente mit einbezieht, darauf bin ich selbst sehr gespannt!



Details zur Musik

Die Partitur ist zwar ohne Vorzeichen notiert, aber Tonarten spielen doch eine Rolle, und im Verlauf des Schreibens hat sich auch eine gewisse Logik der Tonartenfolge ergeben. C-Dur bildet den Ausgangs- und Endpunkt und steht, vereinfacht gesagt, für das helle Licht des Tages. Nur hier erklingt die Orgel im strahlenden Forte. Auch die anderen Tonarten stehen von ihrer Charakteristik her für eine bestimmte Grundprägung der einzelnen Teile. Dabei ist die Fortschreitung im Tonartenzirkel zunächst diatonisch, dann, immer weiter entfernt von C-Dur, chromatisch:


I. Vorspiel                            
C-Dur (helles Licht des Tages)

II. Die Himmel erzählen die Ehre Gottes
G-Dur (Freude über die Schöpfung)

III. Weißt Du wieviel Sternlein stehen        
F-Dur (kindliche Idylle)                                      

IV. Ich schreie vor Unruhe meines Herzens   
d-Moll (innerer Aufruhr)   

V. Nahe dich zu meiner Seele               
es-Moll (Traurigkeit)

VI. Let him kiss me                       
A-Dur (Erotik)

VII. Albtraum                           
b-Moll (Dramatik, Angst)

VIII. Der Herr ist Licht und Heil               
e-Moll (Sehnsucht)

IX. Nachspiel                           
über H-Dur zurück nach C-Dur
(Rückkehr des Lichts)


Die Tonarten bilden mal mehr mal weniger ein gewisses Zentrum der Teile, jedes Stück enthält aber selbst noch eigene harmonische Beziehungssysteme. Dies sei etwas ausführlicher an der abschließenden Nummer IX dargestellt:


„Ich hebe meine Augen auf zu dir, der du im Himmel wohnest.“
Über der offenen Quinte H-fis im Orgelpedal (als Verweis darauf, dass auch der Ausgang der Geschichte „offen“ ist) wandern klanglich entrückte Ganzton-Cluster (motivisch auf Nr. I bezogen) höher und höher. Die linke Hand liefert eine motorische Ausgestaltung des harmonisch nicht eindeutig nach Dur oder Moll definierten Klangs über H. Dazu singen Sopran und Bariton in einem aufsteigenden, beinahe strengen Kanon.
 
„Dein ist der Tag und dein ist die Nacht; du hast Gestirn und Sonne die Bahn gegeben.“
In der Orgel liegen Sechzehntelfigurationen in der rechten Hand, die die Akkorde der linken Hand harmonisch beleben. Die Motivik der linken Hand ist sowohl mit den Ganzton-Clustern der Einleitung als auch mit einem Motiv aus Nr. I verwandt.

„Deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen“
Schon im vorangehenden Teil haben mediantische Sequenzen begonnen, die entsprechend dem besungen Kosmos weit ausgreifend von h-Moll über die Dur-Tonarten As, F, A, Fis, B, G, Des, As, D, A, Es, B über alle 12 Stufen nach E-Dur führen. Die rechte Hand spielt jetzt großräumig auf- und absteigende chromatische Tonleitern, die den darunter liegenden Dur-Klängen ein besonderes Kolorit verleihen. 

„Bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht.“
Für 12 Takte bleibt die Harmonie in E-Dur. In allen Stimmen wiederholen sich Motivteile in unterschiedlich langen Perioden. Die Musik hat einen gelösten, zuversichtlichen, beinahe naiven Charakter.

„Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir / über uns.“
Mit diesem Text hatte der Gesangsteil in Nr. I begonnen, mit ihm endet das Werk auch, den Kreislauf von Tag und Nacht symbolisierend. Auch die Musik aus Nr. I wird zitiert, harmonisch aber variiert. Von H-Dur ausgehend schraubt sich die Harmonie von E-Dur über F-Dur, Fis-Dur, G-Dur nach As-Dur. Mit einem letzten mediantischen „Ruck“ führt das Stück zurück in das C-Dur der Schlusstoccata, die mehrere Motive der Eröffnungstoccata aufgreift. Die letzten Töne der Gesangstimmen sind f (große Sexte) und d (erhöhte Quarte) über As, ein Ausdruck großer Sehnsucht. Die Lösung nach C-Dur wird in den Stimmen selbst nicht mitvollzogen.

In ähnlicher Weise sind auch in den anderen Stücken Bezüge zwischen Text und Musik angelegt.


Verwandtschaften
 
Dem aufmerksamen Leser der Besetzungsangaben wird nicht entgangen sein, dass die Namen der Schauspieler offenkundig in einem verwandtschaftlichen Verhältnis zum Komponisten und zum Regisseur stehen... Das hat seinen Grund nicht in notwendigen Fördermaßnahmen für den aufstrebenden Nachwuchs (die zwei brauchen uns nicht), sondern darin, dass Marie und Jonathan bei etlichen Produktionen der Theater-AG des Mörike-Gymnasiums unter der Regie des überaus engagierten Michael Wolf als auch besonders in der Aufführung von „norway.today“ unter der Regie von Stephan Bruckmeier  als „Paar“ so stark auf mich wirkten, dass ich schon lange die Idee hatte, diese Konstellation für ein eigenes Stück zu nutzen.


Nachtbus - wozu?

Die Geschichte von Max und Lisa ist unspektakulär, jede und jeder könnte sie so oder ein wenig anders erleben oder hat sie schon erlebt. Das ist Absicht. Auch die Musik überrascht bewusst nicht mit experimentellen Neuheiten. Neu aber ist wohl die Gattung dieses Stücks, die Kombination von Schauspiel und einer Musik, die die Möglichkeiten der Orgel für dramaturgische Zwecke nutzt.

„Nachtbus“ ist ein durchaus religiöses Stück. Hoffentlich wird deutlich, dass „Nachtbus“ aber ganz und gar unpädagogisch gemeint ist.


Dank

Nach der Neugestaltung ihres Innenraums (1999-2003) fordert die Stiftskirche ein solches Stück mit Szene und Musik geradezu heraus! Mein Dank geht an die Gremien der Evangelischen Gesamtkirchgemeinde Stuttgart und der Stiftsgemeinde, die den Mut hatten, den Ideen von Architekt Bernhard Hirche zu folgen und die jetzt ihrem Stiftskantor so viel Vertrauen entgegen bringen, dass er so verrückte Projekte wie den „Nachtbus“ in diesem überaus traditionsreichen Raum realisieren kann. Ich danke auch Helmuth Rilling und Christian Lorenz, die im Rahmen des Musikfests risikofreudig den Interpreten mal Erfinder sein lassen!






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